Mr. Hayabusa
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The Great London Jump

Robbie Maddison meets "Mr. Hayabusa"

von Michael Busch

Am frühen Morgen des 13. Juli 2009 mag die ehrwürdige Tower - Bridge zu London ein wenig verwundert aus ihrem nächtlichen Schlummer erwacht sein.
Eine ganze Armada aus Fernsehteams, Technikern, Polizisten und Security-Leuten rückte an und verwandelte innerhalb weniger Stunden die vielleicht berühmteste Brücke der Welt zur Bühne für eine atemberaubende Performance:  Motocross – Stuntfahrer Robbie Maddison war aus Kalifornien angereist, um die Liste seiner spektakulären Aktionen durch ein weiteres Highlight zu bereichern.
Der junge Australier mit Wohnsitz in den USA gilt als die Nummer 1 der internationalen Motocross Freestyle – Jumpszene und wird als Nachfolger von Stuntlegende Evel Knievel gehandelt. 

2007 hatte Maddison den Weltrekord im Motorradweitsprung überboten und etablierte sich 2009 endgültig in der Weltspitze, als er in Las Vegas mit seinem Motorrad auf einen originalgetreuen Nachbau des "Arc de Triomphe" (der berühmte Triumphbogen in Paris; 29,26 Meter hoch) sprang. Um die Sensation perfekt zu machen verließ er das Gebäude auf demselben Weg wie er es "betreten" hatte und sprang wieder herunter.

Nun hatte er es auf die Tower – Bridge abgesehen.
Die Fahrbahn über diese Brücke verbindet die beiden Ufer der Themse mitten im Herzen Londons.
Um besonders hohen Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen ist sie in der Mitte geteilt; die beiden Teile (Baskülen genannt) können hochgeklappt werden. Und genau da setzte Maddisons jüngste Idee an: Die Brücke wird in der Mitte geöffnet, die Baskülen ragen in einem Winkel von ca. 20 Grad nach oben. Über die so entstandene Öffnung springt er dann mit seiner Motocross – Maschine. Im Rückwärtssalto (Backflip).

Veranstalter dieser waghalsigen Aktion: Red Bull und der britische Fernsehsender Channel Five.
Das Ganze unterlag bis zur letzten Minute größter Geheimhaltung – man wollte vermeiden, dass sich zuviel Publikum um die Tower Bridge versammelt und so das Gelingen dieses einmaligen Stunts behindert.

Neben den Fernsehteams und den Mitarbeitern der Veranstalter war kaum jemand eingeweiht. Einige sehr wenige enge Freunde und Verwandte hatte Robbie Maddison unter dem Siegel absoluter Verschwiegenheit eingeladen, mit ihm den Augenblick zu teilen und am nächsten Abend in seinen 28. Geburtstag zu feiern. Mit dabei Freund und Kollege Elmar Geulen ("Mr. Hayabusa") aus Deutschland und ich als dessen Presse-/PR Koordinator.

Robbie Maddison und "Mr. Hayabusa" Elmar Geulen verbindet eine Geschichte, die in der heutigen harten und gewinnorientierten Zeit des professionellen Motorsports Seltenheitswert hat.
Maddison kam 2004 als aufstrebendes, aber noch weitgehend unbekanntes Motocross – Talent anläßlich der internationalen Motorradmesse "INTERMOT" nach München, um mit einer Gruppe von Fahrern in Shows aufzutreten. Und war vom Pech verfolgt. Technische Probleme mit dem Motorrad schienen seinen Auftritt unmöglich zu machen.
Spezialteile mussten her, aber Robbie kannte niemanden in Deutschland, der ihm hätte helfen können. Weltrekordler Elmar Geulen – damals bereits als "Mr. Hayabusa" in aller Munde – hörte von den Problemen und ließ seine guten Kontakte spielen.
Elmars Herz schlägt auch nach über 20 Jahren Straßenrennsport immer noch für den Motocross, denn schließlich hatte seine Rennfahrer – Karriere in dieser Disziplin begonnen (4facher Deutscher Meister). Der junge und hochtalentierte Australier gefiel dem älteren und erfahrenen Deutschen wegen seiner klugen, bescheidenen Art – man freundete sich an.
Maddisons Frust über die Missgeschicke im Zusammenhang mit den INTERMOT – Auftritten und das Gefühl, im fremden Europa praktisch allein zu sein, schienen an seiner Gesamtmotivation zu fressen.
Der weitgereiste Elmar Geulen kannte dieses Gefühl wohl aus den Zeiten seiner Teilnahme an den legendären Asien – Grand Prix's (Macao, Indonesien, Malaysia), die er in den 80er Jahren als einer der allerersten deutschen Fahrer bestritt. Er beschloss, Robbie ein wenig unter seine Fittiche zu nehmen. Lud ihn in sein Haus in Euskirchen ein, wo die beiden einige Zeit verbrachten.

Das Wort "Mentor" würde dem ebenfalls bescheidenen deutschen Rennprofi nicht gefallen – Tatsache ist, dass Elmar dem jungen Robbie Maddison über das Motivationstief hinweg half. Mit internationalen Branchenkontakten, freundschaftlichen Ratschlägen und langjährigen Erfahrungen. Und ihm einen Satz mit auf den Weg zurück nach Hause gab: "Du wirst es mit deinem Talent ganz nach oben schaffen!"

Für knapp 5 Jahre lagen dann Kontinente zwischen den beiden Freunden. Robbie Maddison machte seinen Weg an die Weltspitze und Elmar Geulen hatte als "Mr. Hayabusa" alle Hände voll zu tun. Weltrekorde, Rennen, Testfahrten, Medienarbeit. Ein Leben auf der Überholspur mit wenig Zeit für Privates.

Doch die beiden verloren sich nicht aus den Augen; pflegten ihre Freundschaft trotz Limitierung auf eMail und Telefon. Wir sehen uns wieder – hoffentlich bald!

Im Mai 2009 dann die frohe Kunde aus Kalifornien, wo Robbie Maddison mittlerweile lebt:
"Ich komme nach Europa – jumping  Tower Bridge!".
Endlich. London, nur einen Katzensprung von Deutschland entfernt. "Es wäre toll, wenn du bei dem Sprung dabei sein könntest!" schrieb Robbie. Und: "Bitte verrate noch nichts über den London Jump". Für Elmar Geulen trotz Mitgliedschaft im Deutschen Journalisten Verband Ehrensache.

Schnitt. Neue Szene:
London, Radisson Edwardian Hotel. Eine noble Adresse im traditionsreichen Stadtteil Bloomsbury. Nachts gegen 3 Uhr fallen sich in der Lobby zwei Männer in die Arme. Die Begrüßung ist fast ein wenig zu laut für ein konservatives englisches Hotel. Doch das spüren die beiden nicht. Auch Elmars Gepäck bleibt erstmal achtlos auf dem Marmorboden liegen. Man hat sich viel zu erzählen, es sprudelt nur so heraus.

Ich erkläre dem erstaunten Nachtportier die Lage und erledige die Eincheck-Formalitäten. "Nein – Mr. Geulen kann jetzt nicht das Anmeldeformular ausfüllen. Einen Moment noch, bitte."

Es ist spät nachts, und in weniger als 24 Stunden schon soll  er stattfinden, der "Great London Jump". Robbie Maddison muss auf seine Fitness achten. Doch er will alles, nur nicht ins Bett. Die iPhones laufen heiß, Bilder werden gezeigt – "... guck mal hier, das weißt du ja noch gar nicht ..."

Es ist Elmar, in dem die fürsorgliche Seite wieder erwacht: "Jetzt geh' erstmal schlafen, Robbie. Sonst fällst du mir morgen von der Brücke."

Am Abend darauf sitzt eine kleine, erlauchte Runde im Londoner In- Restaurant "Busaba Eathai" in der Store Street. Die Menschen, die Robbie Maddison wenige Stunden vor seinem spektakulären Sprung um sich haben will, passen an einen 5 – Personen – Tisch.
Ehefrau Amy Sanders (ehemaliger Australischer Wakeboard – Champion); der junge britische Rennfahrer Oliver Oakes (Kart Weltmeister 2005 und Formel 3 – Hoffnung); "Mr. Hayabusa" Elmar Geulen und ich.
Sie alle haben Erfahrung mit solchen Situationen. Reden ruhig, um die Nervosität nicht hochschlagen zu lassen. Eine Bemerkung über das Wetter – wird der Wind stärker? Bleibt es trocken? Hier und da ein Scherz. Lachen tut gut jetzt.

Elmar und Robbie haben auch über gemeinsame Pläne zu reden. Zusammen wollen sie ihre nächsten Weltrekorde in Übersee performen. Robbie ruft schnell seinen Manager in Los Angeles an, erzählt ihm von den Ideen. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: "Das machen wir!"
Und dann ist es auch schon Zeit für Robbie. Noch ein Stündchen schlafen, ein wenig Zeit zum relaxen. Allein sein. Konzentrieren.

Als ich mit Elmar verabredungsgemäß um Mitternacht am Ort des Geschehens eintreffe (der Sprung ist für 3.00 Uhr angesetzt) ist aus der Tower Bridge eine Red Bull – Bridge geworden.
Extra für den "Great London Jump" wurde die Brücke komplett abgesperrt und der Verkehr in der City of London aufwendig umgeleitet. Der Schiffsverkehr auf der Themse ruht.
Überall zielorientiertes Treiben. Scharen von Polizisten sichern die Umgebung. Ambulanzfahrzeuge für den Fall, um dessen Ausbleiben jetzt alle beten.
In einer versteckten Ecke Robbies Motorrad unter den goldenen Händen von Mechaniker "Buddy" aus Amerika. Alles ist durchgecheckt, aber jeder will auf Nummer sicher gehen. Der geringste Fehler hätte hier gefährliche Folgen.
Und mitten drin die hellbeleuchtete Tower Bridge; altbekannt und doch so ganz anders in dieser Nacht.

Der Backstage-Bereich ist in der 12 . Etage des berühmten "Tower Hotel" eingerichtet. Hektische Betriebsamkeit. Headsets und Walkie- Talkies. Kameras und Scheinwerfer werden hin- und hergetragen. Berge von Akkus. Jeder hat etwas wichtiges zu tun.

Nur die Garderobe von Robbie Maddison ist eine Oase der Ruhe. Wieder derselbe enge Kreis aus Ehefrau und Freunden wie schon beim Essen vorher.
Robbie montiert seine Helmkamera und fachsimpelt mit den Kollegen Elmar Geulen und Oliver Oakes über Helme und Protektoren. Amy studiert den Bogen mit ihren Interviewfragen.
Ich sitze dabei und kaue innerlich an den Fingernägeln. Jetzt, wo ich die präparierte Brücke so nah und gewaltig vor mir gesehen habe, werden mir die Gefahren bewusst. Besser nicht daran denken.

Irgendwie geht dann alles ganz schnell. "Ready to go!" schnarrt es aus den Funkgeräten, und Robbie steigt in Rennkombi und Stiefel. Es wird ernst.
Schulterklopfen, Umarmungen. Rennfahrer und Stuntleute wissen und wollen es doch nicht aussprechen: Es könnte das letzte Mal sein.

An die Fahrt im Hotelaufzug nach unten kann ich mich nicht mehr erinnern. Plötzlich stehen Elmar und ich an der Brücke – zusammen mit der Koordinatorin der Eventagentur. Die ist über Funk mit ihren Leuten auf der Brücke verbunden, und wir erfahren in Echtzeit alles, was wir von hier aus nicht sehen können.
"Robbie macht sich jetzt fertig!"
Dann der Motor von Robbies Bike. Ein paar Gasstöße, und schon die Anfahrt zur Absprungrampe.
Abbruch! ... kurz vor dem Absprung bringt Robbie die Maschine zum Stehen. Fährt ganz dicht an die Kante und schaut herab auf die tief unter ihm glitzernde Themse.
Zweiter Anlauf – wieder bricht Robbie ab. Es ist kalt und windig, aber mir läuft der Schweiß in den Kragen.

Dann der Sprung! Perfekter Anlauf – ein, zwei Sekunden später sind Mann und Motorrad in der Luft. In diesem Moment dehnt sich die Zeit bis zur Landung; ich sehe alles wie in Zeitlupe.
Warum  kein Backflip wie angekündigt? Im Handstand auf der Maschine war Robbie über den Abgrund geflogen.
Die Erklärung kommt per Funk: "Robbie macht es nochmal!".

Und jetzt erleben wir, was in einer Minute Motorradsport – Geschichte sein wird. Robbie Maddison zeigt mit seinem Motorrad, was die Reporterin von "Channel Five" später als "... perfect 360° revolution! ..." bezeichnet. Ein Rückwärtssalto, so elegant und trotzdem voller Action!
Wer es bis jetzt nicht begriffen hat ist selber schuld: Das war eine der ganz großen Demonstrationen menschlichen Leistungsvermögens.
Doch das Schönste daran bleibt die Tatsache, dass Robbie kurze Zeit später wieder gesund und unverletzt in unseren Armen liegen konnte!
Jetzt wollen alle nur noch das Eine: Schlafen. Ganz lange schlafen.
Aber für den kommenden Abend hatte "Mr. Hayabusa" noch etwas ganz besonderes zu organisieren ...

Montag, 13. Juli gegen 10.00 Uhr. London zeigt sich von seiner besten Seite – es verspricht ein sonniger Tag zu werden. Wir stehlen uns ein paar Stunden für die ersehnte  Stippvisite nach Notting Hill. Viel Zeit freilich haben wir nicht. Morgen ist Robbie Maddisons 28. Geburtstag, und weil sowohl wir als auch Robbie morgen früh London wieder verlassen müssen soll heute Nacht  "reinfeiern" angesagt sein.

Elmar tut sehr geheimnisvoll, und seinem verschmitzten Gesicht sehe ich an, dass er etwas plant. Per Hotel-Message lässt er Robbie ausrichten, dass er ihn abends gern zu einem "Geschäftsgespräch" treffen würde. Obwohl doch in dieser Hinsicht zwischen den beiden schon alles besprochen ist. Ich würde an dieser Stelle gern schon ein wenig andeuten, welche gemeinsamen Pläne Robbie und Elmar für die nahe Zukunft haben. Aber ich muss mein berufsbedingtes Mitteilungsbedürfnis zügeln – darum haben sie mich freundschaftlich gebeten.

Für Robbie wird es ein langer Tag. "The Great London Jump" ist in aller Munde; bis in den späten Abend muss er Interviews geben.
Dann die erleichternde SMS: "Ab 22.30 Uhr bin ich frei!".
Wir verabreden uns in der Hotelbar. Dort hat heute Barkeeper Martin aus Deutschland Dienst, und der ist Motocross-Liebhaber. Elmar und er tuscheln, ich kann nur Wortfetzen aufschnappen. "... Punkt zwölf bringst du das dann an den Tisch ..." und "... Robbie weiß noch nichts davon ...".
Alles sehr spannend.
Ich habe Durst und bekomme von Martin den besten Mojito meines Lebens. Prost! Auf Robbie, auf Elmar und auf London.

Später als geplant trifft Robbie ein und hat Hunger wie ein Wolf. Mit ihm sein Cousin, der extra für den Geburtstag eingeflogen ist; Ehefrau Amy und Mechaniker "Buddy". Die Sorgenfalten in ihren Gesichtern – laut Speisekarte ist schon Küchenschluss – kann Martin glätten. Heute ist auch für ihn ein besonderer Abend, und so überzeugt er schlichtweg den Küchenchef, ein paar Überstunden einzulegen.

Wieder wird viel getuschelt, diesmal zwischen Elmar und Amy. Die wird eingeweiht in Elmars Pläne, nur mir sagt keiner was. Wenn das kein Grund ist, noch einen von Martins leckeren Mojitos zu bestellen?

Zwei Minuten vor Zwölf wandern vielsagende Blicke zu Martin, der "Gewehr bei Fuß" am Ende der Bar steht. Ein kurzes Nicken zurück, und der pfiffige Barkeeper zaubert eine improvisierte Geburtstagstorte auf den Tisch. "Happy Birthday, dear Robbie! Happy Birthday ...! Während wir alle singen frage ich mich, woher das Sandkorn gekommen sein mag, dass sich Robbie aus dem Auge wischt. Der Champagner geht aufs Haus.

Es wird noch lange gefeiert in dieser Nacht, und ich habe irgendwie Angst vor dem Weckruf, der für Elmar und mich auf 6.30 Uhr angesetzt wurde.

Langsam wird es Zeit, Abschied zu nehmen. Alles Gute für dich im neuen Lebensjahr, lieber Robbie!
Und für mich einen letzten Mojito.

 

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http://www.mr-hayabusa.de - aktualisiert am: 21. April 2017 - IMPRESSUM - KONTAKT - SITEMAP